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EIN BEGRIFF - DREI BEDEUTUNGEN


WAS IST GRUPPENDYNAMIK?


Die Bedeutungen des Begriffs Gruppendynamik sind vielfältig. Einerseits beschreibt Gruppendynamik das Geschehen in Gruppen, andererseits steht der Begriff für eine Disziplin der Sozialwissenschaften. Schließlich bezeichnet Gruppendynamik auch ein Verfahren sozialen Lernens.


Kräftespiel einer Gruppe

Gruppendynamik bezeichnet das Geschehen in Gruppen, die Dynamik von Veränderung und Kontinuität, das Kräftespiel einer Gruppe.

Obwohl wir große Teile unseres Lebens in Gruppen verbringen, nehmen wir das dynamische Kräftespiel, das sich dabei zwischen den Menschen abspielt, meistens nicht bewusst wahr. Die Gruppendynamik bemerken wir dann, wenn es hakt, wenn die Harmonie gestört wird, es Streit gibt, die Arbeit nicht voran geht. Mit der Gruppendynamik ist es so wie mit der Luft zum Atmen: Erst wenn man etwas riecht, fällt sie auf. Ob wir es wollen oder nicht, unser Verhalten wird nicht (nur) von unserer Persönlichkeit bestimmt, sondern ebenso sehr von den sozialen Gruppen, zu denen wir gehören oder gehören wollen. Als soziale Wesen sind wir darauf angewiesen, Gruppen anzugehören. Dafür sind wir bereit, uns zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen aber auch uns anzupassen und eigene Bedürfnisse hinten an zu stellen. Die Gruppe wirkt auf uns und unser Verhalten wirkt auf die Gruppen zurück, wir beeinflussen bewusst oder unbewusst, wie es in der Gruppe zugeht. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann uns stärken, unterstützen, schützen, erfreuen, glücklich machen aber auch einschränken, Druck ausüben, Angst machen, zu Handlungen zwingen, die wir eigentlich nicht wollen.


Disziplin der Sozialwissenschaften

Gruppendynamik bezeichnet eine Disziplin der Sozialwissenschaften, die Prozesse in kleinen Gruppen erforscht.

Gruppen sind soziale Systeme von drei bis circa 20 Mitgliedern (von Großgruppen spricht man ab etwa 20 Beteiligten), die eine gemeinsame Aufgabe oder ein gemeinsames Ziel haben, und die über eine gewisse Dauer zusammen sind. Sie entwickeln mit der Zeit ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Zusammenhalts, gemeinsame Normen und Werte und ein Geflecht aufeinander bezogener sozialer Rollen.

Zentrale Stichworte dieser Forschungen sind: der Leistungsvorteil oder -nachteil von Gruppen, Team und Teamarbeit, Führungsverhalten und -stile, Außenseiter/innen, Gruppendruck, Phasen der Gruppenentwicklung, Erziehung in Gruppen sowie die Wirkung von Diversität /Unterschiedlichkeit der Mitglieder.


Verfahren des sozialen Lernens

Gruppendynamik bezeichnet ein Verfahren sozialen Lernens, insbesondere das Gruppendynamische Training und die gruppendynamische Trainingsgruppe (T-Gruppe).

Diese Bedeutung des Begriffes Gruppendynamik geht in erster Linie – neben Wurzeln in der Gruppenpädagogik und der Gruppentherapie – auf den Sozialpsychologen Kurt Lewin zurück. Lewin hat mit seinen Forscherkollegen im Jahr 1946 die Wirkung der Gruppe als Mittel zur Verhaltensänderung entdeckt. Sie stellten fest, dass ihre Schulungsteilnehmenden dann bereit waren ihr Verhalten zu überdenken und zu verändern, wenn sie von den anderen Teilnehmenden und den Leiter/innen Rückmeldungen (Feedback) bekamen. Das Feedback, die bewusste Rückmeldung, welches Verhalten wahrgenommen wurde und welche Wirkung es auf den/die Beobachter/in hatte, wurde zur Grundlage einer breiten Tradition des sozialen Lernens. Ausgehend von dieser Entdeckung wurde die gruppendynamische Trainingsgruppe konzeptionell und methodisch zu einem Ort entwickelt, in dem die Wirkung von Verhalten gleichzeitig erlebt, untersucht und verändert werden kann.

Die Situation in der Trainingsgruppe verunsichert die Teilnehmenden zunächst, weil die Trainer/innen die Gruppe nicht leiten – also vorgeben, was zu tun ist – sondern sie mit einer ungewöhnlichen Aufgabe konfrontieren: Die Teilnehmenden sollen die Gruppe selbst gestalten und zugleich reflektieren, wie sie dies tun. Dabei kann man im „Hier und Jetzt“ erleben, wie aus den Einzelnen eine Gruppe mit einer spezifischen Ordnung, mit Rollen, Normen und Strukturen entsteht: die Gruppendynamik dieser Trainingsgruppe.

Die gruppendynamische Trainingsgruppe hat sich als wirksames Mittel in der Schulung von Gruppenleiter/innen in der Pädagogik, der Therapie, von Projekten und Teams, sowie von Führungskräften in verschiedenen beruflichen Sektoren erwiesen. Als Fachverband hat die DGGO diese Entwicklung seit ihrer Gründung 1968 vor allem durch die Ausbildung von qualifizierten Trainer/innen für Gruppendynamik und von professionellen Gruppenleiter/innen vorangetrieben.



Text: Oliver König, Karl Schattenhofer

EINFÜHRENDE LITERATUR

Antons, Klaus (2011, 9. Auflage):

Praxis der Gruppendynamik – Übungen und Techniken. Göttingen: Hogrefe-Verlag.


König, Oliver / Schattenhofer, Karl (2015, 6. Auflage):

Einführung in die Gruppendynamik.
Heidelberg: Carl Auer Verlag.


DOWNLOADS

Christen, Jürgen / König, Oliver / Schattenhofer, Karl (2001):

Angewandte Gruppendynamik und die Sektion Gruppendynamik im DAGG.
Laden Sie hier den Artikel im PDF-Format herunter.


König, Oliver / Schattenhofer, Karl:

Gruppendynamik. Ein Begriff - Drei Bedeutungen

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