Spontan und themenzentriert: Gruppendynamik goes TZI
Ein Beitrag von Enrico Troebst
Zehn Teilnehmer/innen aus den Bundesrepubliken Österreich und Deutschland sowie aus Ungarn haben sich Ende August 2026 in Würzburg zum DGGO-Workshop „Spontane Leitungsinterventionen in Gruppenprozessen“ eingefunden. Wir vertrauen uns den TZI-Lehrbeauftragten Shirley Reinhaus und Ernst Schrade an.
Nicht alle Teilnehmer/innen gehören einem der gruppendynamischen Fachverbände an. Aber auch die ‚Gäste‘, als die sie sich zunächst fühlen, werden interessiert den fachlichen Nachdenklichkeiten folgen, die die Kolleg/innen immer wieder in den Austausch einbringen werden – denn darum soll es gehen: sich nicht nur mit einem anderen Gruppenverfahren lernend einzulassen, sondern auch zu vergleichen.
Das beginnt schon in der Anfangsrunde mit der Aufforderung, erste Vermutungen über ‚die Anderen‘ kundzugeben, woraufhin ein Gruppendynamiker mutmaßt, TZI-Leiter/innen würden ihre Gruppen wohl eher „versorgen“, dagegen gruppendynamische Trainerinnen die ihren „herausfordern“. Forschende Nachfrage von Ernst Schrade, ob damit vielleicht eine Wertung verbunden sei? Nein, nein, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass Gruppendynamiker gewissermaßen heldenhafter seien als die Kollegen vom Ruth Cohn Institut, muss unter Gelächter klargestellt werden.
Wir haben es mit einer „partizipierenden Leitung“ zu tun, die sich ausdrücklich als Teil der Gruppe versteht, wird uns erklärt. Hier also kein Rätselraten, wie im T-Gruppentraining, über das Rollenverständnis der Trainer/innen. Zu den vielen Interventionen, in denen das auch ganz deutlich wird, gehört ein Intermezzo, in dem das Leitungspaar als „Reflecting Team“ Überlegungen zum bisherigen Prozess anstellt. Aus dem gruppendynamischen Methodenrepertoire ist uns das als „Open Staff“ bekannt. Über die unterschiedlichen Wirkungen in den verschiedenen Kontexten TZI-Kurs vs. Gruppendynamisches Training können wir anhand einer Anekdote nachdenken, die Carl Otto Velmerig als Teilnehmer beiträgt: Nach einem „Open Staff“ in einer seiner T-Gruppentrainings vermuteten nämlich einige Teilnehmer/innen, dass sich die Leitung offenbar „nicht einig gewesen“ sei.
Neben Gelegenheiten, sich mit dem Seminarthema „Spontane Leitungsinterventionen“ in Fall- und Paararbeiten auseinanderzusetzen, gibt es Angebote für körperbetonte Übungen. Auch die theoriebezogenen Inputs laden wiederholt zur Selbstbeobachtung somatischer Reaktionen ein. Einige von uns fragen sich da, ob uns auf dem Entwicklungsweg von der (jedenfalls in Westdeutschland) experimentierfreudigen Zeit der Gruppendynamik zum heute stuhlkreisfixierten T-Gruppentraining Wichtiges verlorengegangen ist?
Kein TZI-Seminar ohne das weithin bekannte Vierfaktorenmodell mit dem Es-, Ich-, Wir-Dreieck, umschlossen vom kreisförmigen Globe. Als Vorwissen bringen wir mit, dass eine Balance zwischen den Faktoren hergestellt werden soll – unsere Seminarleitung stellt richtig: es geht um eine „dynamische Balance“! Das Modell wird uns als Analyseinstrument für Fragen zur Selbstleitung erläutert und für eine Übung an die Hand gegeben.
Über vier Tage in zwölf Einheiten à 90 Minuten unterwegs mit dem TZI-Leiterpaar Ernst und Shirley. Es entwickelt sich sehr schnell ein angenehm kollegialer Sound unter den Teilnehmenden und mit der „partizipierenden Leitung“, die mit uns sogar gemeinsam die Mahlzeiten einnimmt und stets daran interessiert ist, was wir denn zum Thema mitbringen. Im gegenseitigen Austausch, den Übungen und Fallarbeiten hat zum Ende Jede/r neue Aufmerksamkeiten für seinen und ihren eigenen Interventionsstil entwickelt. Zudem haben sich wertvolle Anregungen für die Designs unserer Workshops ergeben.
Sich einlassen auf ein neues Gruppenverfahren und den/die TZI-Leiter/in beobachten – dabei entsteht im Hinterkopf ein Vexierbild: Welche Herausforderung und Unterstützung gibt es jetzt für unsere Gruppe; wie dagegen sähe die passende Intervention für eine „sich selbst beforschende“ T-Gruppe aus? Wie ‚ticken‘ Gruppen in den unterschiedlichen Lernsettings und in der Zusammenarbeit mit ihren Leitungen? Auch hinsichtlich solcher Gelegenheiten zum Nachspüren und -denken waren die Tage in Würzburg überaus produktiv.
Zumindest abschließend muss ein Kurzbericht über ein TZI-Seminar auf Ruth Cohn zu sprechen kommen. Die (Mit)begründerin der Themenzentrierten Interaktion wird wiederholt zitiert und exegiert sowie mit Informationen zu ihrer Biografie in den Kontext der humanistischen Psychologiegeschichte eingeordnet. Sie hat ein umfangreiches Schrifttum verfasst und – nach ihrer Rückkehr aus dem Exil – in Europa maßgeblich Einfluss auf die Weiterentwicklung ihres Verfahrens genommen. Sie ist mit ihren Einsichten in der TZI-Community deutlich präsenter als Kurt Lewin in der DGGO, wie wir neidvoll anerkennen können.
Dem Orgateam dieses DGGO-Workshops gehörten Claus Faber, Enrico Troebst und Carl Otto Velmerig an, die gern weitere Auskünfte geben.
Bildnachweis: Teilnehmende des TZI-Seminars; mit freundlicher Genehmigung des BuFDi Würzburgs.