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Geramanis: Mini-Handbuch Gruppendynamik
Literaturempfehlung

mini-handbuch Gruppendynamik

Eine Frage der Haltung: Differenzierung – Reflexion – Entscheidung

Gruppendynamik Knowhow kompakt 

 

Gruppendynamik ist für nicht wenige ein Reizwort, das schnell emotional getönte Diskussionen und Positionierungen hervorruft: Die einen haben irgendwann Erfahrungen mit einer gruppendynamischen Veranstaltung gemacht, die ihnen nicht gefallen haben. Vielleicht haben sie sich nicht gut genug informiert oder „versorgt“ erlebt, vielleicht hat das Verfahren sie zu diesem Zeitpunkt überfordert oder sie sind an nicht oder schlecht ausgebildete Anbieter geraten, vielleicht sind sie von gruppendynamischen Prozessen an ihrer Arbeitsstelle überrollt worden - die Möglichkeiten mit Gruppendynamik schlechte Erfahrungen zu machen sind erheblich!

 

Die anderen erleben die Beschäftigung mit Gruppendynamik und den damit verbundenen Prozessen als erkenntnisschaffende Bereicherung, als Erweiterung des eigenen Kompetenzprofils, als interessante Verstehensfolie für ansonsten mysteriöse Verhaltens- und Handlungsweisen. Diese Fraktion profitiert vom Wissen über gruppendynamische Phänomene und Prozesse und hat Interesse dieses Wissen über die Kräfte in Gruppen auch emotional unterlegt zu erfahren. Nicht wenige Führungskräfte und Personen mit Leitungsaufgaben besuchen Trainings, Workshops oder berufsbegleitende Weiterbildungen, um gruppendynamisches Knowhow zu erwerben und zu trainieren.

Einer derjenigen, die gruppendynamisches Knowhow in Theorie und Praxis lehren und vermitteln, ist der in Basel tätige Hochschullehrer Olaf Geramanis, der Autor dieses „mini-handbuchs“. Es ist naheliegend, dass ein Lehrender seine Erfahrungen (mit den Höhen und Tiefen der Vermittlung komplexer Sachverhalte) in eine strukturierte und systematisch bearbeitete Form bringt und damit vermutlich dem Wunsch vieler Lernender und AusbildungsteilnehmerInnen nachkommt, bedeutsame Lerninhalte in kompakter Form zu Verfügung zu haben. So kann erworbenes Wissen oder in Weiterbildungen erarbeitete Erfahrung vertieft und rational als Lernertrag gesichert werden. Dies gelingt Geramanis mit seinem neuesten Werk hervorragend. Besonders erwähnenswert ist die durchgängige Orientierung und Bezugnahme auf die umgebenden Systeme (Organisationen).

 

Drei Schwerpunktkapitel gliedern dieses Buch: Das Kapitel 1 startet mit dem Blick auf das Individuum auf seinem Weg in die Gruppe, nebenbei wird das Prinzip Gruppendynamik erläutert. Kapitel 2 widmet sich der Gruppe und ihren Prozessen, dort gibt es viel über das Herzstück gruppendynamischer Trainings – die Trainingsgruppe – zu erfahren. Kapitel 3 schließlich beleuchtet relevante Aspekte von Gruppen in Organisationen. Dieser Kapiteldreischritt „Individuum – Gruppe – Organisation“ verfolgt anschaulich die jeweilige Komplexitätserweiterung, die mit dem jeweils erweiterten Blickwinkel verbunden ist. Es werden die dazugehörigen Spannungsfelder markiert und diskutiert, zahlreiche Beispiele helfen, die theoretischen Überlegungen mit Praxissituationen zu verknüpfen und damit nachvollziehbar zu werden. Alle Kapitel sind noch einmal in Unterkapitel strukturiert, mit Hilfe der Unterkapitelüberschriften lassen sich einzelne, die Leserschaft besonders interessierende Inhalte gut auffinden. Am Ende dieser Unterkapitel gibt jeweils eine knappe Zusammenfassung dessen, was man dort erfahren hat.

 

Mit dem Titel des Buches „mini-handbuch“ tue ich mich schwer: Das Buch ist definitiv kein Handbuch! Wer Handbuchartikel erwartet, wird enttäuscht werden. Vermutlich ist der Titel ein Zugeständnis, um in dieser Beltz-Reihe (mini-handbücher bei Beltz) erscheinen zu können. Das Buch baut in seiner Logik der drei Kapitel aufeinander auf und mindestens Gruppendynamik-Unerfahrene werden sich, wenn sie dieses Buch als Handbuch nutzen wollen, nicht zurechtfinden. Auch fehlen ein Stichwortverzeichnis und ein Glossar, da wäre mir die mögliche Begründung, es handle sich eben um „mini“ zu kurz gesprungen. Das Buch ist mit verschiedenen Illustrationen in Form von Schaubildern, die das Beschriebene visualisieren sollen, versehen. Vermutlich ist es auch eine Geschmacksfrage, aber für mich sind die Illustrationen nicht wirklich hilfreich.

 

Für die Zielgruppe SupervisorInnen und Coaches finde ich das Buch ausgesprochen hilfreich und geeignet, da es tatsächlich wesentliches Wissenswertes aus dem Feld Gruppendynamik präsentiert und in praxisnaher Form und klaren, durchgängigen Bezügen zu Organisation Sachverhalte und Phänomene beschreibt. Sehr gut finde ich die Anbindung von bestimmten Begriffen an die ursprüngliche Originalliteratur (z.B. das Konzept von „Rolle“ an Margaret Mead, 1934 oder die Anbindung der gruppendynamischen Grundbedürfnisse Zugehörigkeit, Macht und Intimität an das Konzept inclusion, control und affection von William Schutz, 1958). Diese Verbindungen kennen viele der heutigen LeserInnen vermutlich nicht mehr, hier blitzt die Genauigkeit und auch das große Übersichtswissen des Autors auf, das im Übrigen das ganze Buch kennzeichnet. Da supervisorische Settings und Coachingaufträge sehr häufig im Kontext von Team- und Organisationsentwicklung stattfinden, ist dieses Buch ein hilfreiches Unterstützungsmaterial für all jene, für die Gruppendynamik nicht zum alltäglichen Beschäftigungsgegenstand zählt.

 

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Führungskräfte, denen ich das Buch empfohlen habe und die es dann auch gelesen haben, sehr positive Rückmeldungen gegeben haben und sich daraus sogar Teilnahmen an gruppendynamischen Lernsettings ergeben haben. 

 

Fazit: Gut zu lesen – informativ und praxisnah – lehrreich –  viele Anregungen zur Verknüpfung mit eigenen Erfahrungen – kurz genug und dennoch ausreichend ausführlich – fundiertes Wissen mit schöner Sprache transportiert – lesenswert!

 

Michael Faßnacht
(michaelfassnacht@tfbs.de)

 

Olaf Geramanis: mini-handbuch Gruppendynamik. Weinheim/Basel Beltz Verlag, 2017, 276 Seiten, 19,95 €

 

Diese Leseempfehlung von Michael Faßnacht erschien zuerst im aktuellen Newsletter Nr. 11 des Fortbildungsinstituts für Supervision – fis. Der halbjährlich erscheinende fis-Newsletter kann auf der Homepage des Instituts kostenlos abonniert werden.